Der Beinahe-GAU vor unserer Haustür

Die Geschichte des Jülicher Versuchsreaktors ist bis zu seiner Abschaltung 1988 durchzogen von Problemen, Zwischenfällen und Fehlverhalten. Ans Licht kamen die haarsträubenden Vorfälle erst durch eine Expertenkommission, einen Whistleblower und eine Anfrage der GRÜNEN Bundestagsfraktion. Und heute? Hilft das Forschungszentrum China beim Aufbau von Hochtemperaturreaktoren. „Der Versuchsreaktor ist ein Beispiel für den Irrsinn der Atomindustrie“, bilanziert Oliver Krischer, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Bundestagsfraktion.

Es liest sich wie ein Kriminalroman: Im Jahr 1978 kommt es zu einem Einbruch von fast 30 Tonnen Wasser in einen Reaktorbehälter, der GAU steht kurz bevor. Die Verantwortlichen ignorieren den Störfall, manipulieren die Sicherheitseinrichtungen und vertuschen das Ausmaß. Erst Jahre später wurde bekannt, dass der Kreis Düren damals nur knapp einer Katastrophe entging. „Heute streiten sich die Expert*innen nur noch darum, ob Jülich oder halb Deutschland betroffen wären“, warnt Oliver Irischer, der den Eintrag eingebracht hat.

Jülicher Altlasten

Obwohl der Versuchsreaktor 1988 schließlich abgeschaltet wurde, lagern noch heute rund 300.000 mit Brennstoff gefüllte Reaktorkugeln in 152 Castoren. Der Versuchsreaktor gilt als eine der schlimmsten Nuklearruinen weltweit: Die radioaktive Verseuchung ist derart stark, dass der Reaktor nicht auf herkömmlichem Weg zurückgebaut werden kann.

Während die Atomlobby mit einem Rückbau „bis zur grünen Wiese“ geprahlt hat, haben sich die Konzerne schnell aus dem Staub gemacht – und die Bürgerinnen und Bürger bezahlen die Rechnung. Die liegt übrigens nach aktuellem Stand bei mindestens 700 Millionen Euro. Kein Vergleich zu den 34 Millionen DM (!), von denen man noch in den 1990er Jahren ausging.

Fehler aufarbeiten und Transparenz herstellen

Trotz des AVR-Desasters wird in Jülich noch immer an der Entwicklung von Hochtemperaturreaktoren gearbeitet, die schwarz-gelbe Bundesregierung förderte die Aktivitäten mit zum Teil erheblichen Mitteln. Und das, obwohl in Jülich „gelogen und betrogen wurde um den Reaktor am laufen zu halten“, so Oliver weiter. Zuletzt wurde bekannt, dass die Forscher*innen in Jülich bei der Entwicklung von Hochtemperaturreaktoren in China beteiligt waren – und haben es als „Sicherheitsforschung“ getarnt

Das kann nicht sein. Die Öffentlichkeit muss endlich über die Vorfälle in Jülich aufgeklärt werden, die künftige Forschung transparent gestaltet werden.

In unserem Antrag fordern wir GRÜNE deshalb

  • die Aufarbeitung des AVR-Desasters inklusive der Beteiligung der damaligen Atomaufsicht
  • die Einstellung der sogenannten „Sicherheitsforschung“ in Jülich, unter deren Deckmantel viel zu lange Wissenserhalt und -transfer für neue Reaktorlinien betrieben wurde
  • die Beschränkung der Aktivitäten des Forschungszentrums auf die notwendige Forschung zum Rückbau von Atomanlagen und zur Endlagerung von Atommüll.

Dazu schlagen wir die Einrichtung einer „Gesellschaftlichen Begleitgruppe“ vor, wie sie etwa beim Forschungszentrum Geesthacht bereits existiert. Nur so lässt sich sicherstellen, dass die notwendigen Konsequenzen gezogen und das „Atomdesaster in Jülich endlich abgewickelt werden kann“, wie es Oliver formuliert hat.

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